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15.09.1994 - Neue Oranienburger Zeitung - „Ich behaupte, den Deutschen geht es gut!"

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Konrad Weiß: „Ich behaupte, den Deutschen geht es gut!"

Nachdenken über die soziale Situation in schwarz/weiß
 
Oranienburg • Das öffentliche „Nachdenken über die soziale Situation in Deutschland", so eine gut besuchte Veranstaltung im Caritas-Heim St. Johannesberg am Sonnabend, ist in den Augen vieler, die sich mit der Sozialarbeit beschäftigen, überfällig. Deshalb versprach der Titel auch viel, vor allem einen Erfahrungsschatz von Menschen, die täglich erleben, wie sehr auch Elend drückt, das nicht „zu riechen und zu sehen ist". Doch der Bundestagsabgeordnete für Bündnis 90/Grüne, Konrad Weiß, stellte die These in den Raum: „Ich behaupte, den Deutschen geht es gut!" Er sei vor einer Woche noch in Südafrika gewesen, in Soweto, habe unvorstellbares Elend erlebt. Vor diesem Hintergrund nahm sich denn auch prompt das deutsche Elend ziemlich klein aus, obwohl auch Weiß davon weiß, dass das soziale Netz in der Bundesrepublik löchriger wird, noch mehr, wenn die Plane der Bundesregierung, die soziale Hufe und die Arbeitslosenunterstützung zu kürzen, Tatsache werden. Alters- und Jugendarmut, viele tausend Kinder unter den Obdachlosen, das Leben von Frauen und Männern jenseits der 50, der 40 schon, ohne die Hoffnung, im Beruf wieder gebraucht zu werden, das war Aufzahlung, weniger Nachdenken über Lösungsmöglichkeiten, Auswege, Visionen des einmal aus der Bewegung „Demokratie jetzt" gekommenen Filmemachers. Am Thema dran zum gut Teil aus eigener Erfahrung; der Direktor des Caritasverbandes für Brandenburg, Reinhold Janiszewski. Der forderte eine politische Lobby für den 2. Arbeitsmarkt, weil nur damit Menschen geholfen werden könne, die sonst psychologisch bedingt in Krankheiten, in Depressionen abgleiten. Auch die „Wunderdroge 249 h" des Arbeitsförderungsgesetzes müsse neu durchdacht werden. Gehe es nämlich an die vorbeugende Arbeit, die als Projekt nicht abrechenbar sei, werde es fast unmöglich, zu arbeiten. Der katholischer Priester, der den Caritas-Verband seiner Kirche seit Jahren führt, sieht einen ziemlichen Druck auch auf behinderte Menschen wachsen, die sich auf einmal „wirtschaftlich bewähren" sollen.

Konrad Weiß übrigens tritt, das begründete er, nicht wieder für den Bundestag an. Er wolle jetzt ein Pause; zum Besinnen, zum Bücher-Schreiben, auch wieder zum Filmen.

Im St. Johannesberg begann dann ein buntes Treiben, organisiert von Menschen, die viel nachgedacht hatten über die soziale Situation in Deutschland.

Ina Nehls