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20.01.2011 - Märkische Allgemeine Zeitung - "Die Letzten ihrer Art"

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Die Letzten ihrer Art


Der Zivildienst verschwindet: In Oberhavel sind noch 77 Zivis im Einsatz

Kriegsdienstverweigerer sind eine unverzichtbare Stütze in Behindertenheimen, Krankenhäusern und Seniorenzentren. Ab L Juli soll es keinen Zivildienst mehr geben. Ein Besuch bei den letzten Zivis.

Von Frauke Herweg
 
ORANIENBURG | Geburtstagsrunde im Behindertenwohnheim St. Johannesberg in Oranienburg. Die drei Zivildienstleistenden Sergej Würtz, Christoph Hahnewald und Ricardo Keim sitzen an einer langen Tafel und essen mit den Bewohnern selbst gebackenen Schokokuchen. Seit einigen Monaten sind die drei jungen Männer eine feste Größe im Leben der zum Teil schwerstmehrfachbehinderten Bewohner. Würtz und Hahnewald spielen mit ihnen Puzzle, begleiten sie auf Spaziergängen oder in die Sportstunde. Keim assistiert beim morgendlichen Aufstehen, Frühstücken und bei den vielen kleinen Hürden des Alltags. Die Entscheidung für ihren Zivildienst haben sie nie bereut. Alle haben ihren Dienst verlängert.

Mit dem Aussetzen der Wehrpflicht zum 1. Juli wird es auch keinen Zivildienst mehr geben. Viele soziale Einrichtungen werden dann auf helfende Hände verzichten müssen. Noch leisten 77 junge Männer ihren Zivildienst in Oberhavel. Viele Zivildienststellen sind jedoch jetzt schon verweist Was dann kommt? Heimleiterin Gerlinde Fielitz  weiß es nicht. „Das ist schon ein Verlust", sagt die Rehabilitationspädagogin. „Wir waren unseren Zivis immer sehr dankbar."

Die jungen Männer packen schnell mal mit an, wenn körperliche Kraft gebraucht wird. Oder sie spielen mit den Kindern und Jugendlichen so begeistert Fußball, wie es eine Betreuerin im Heimalltag kaum kann. Zivis im ansonsten meist weiblichen Betreuerteam - „Das tut unseren männlichen Bewohnern auch einfach gut", sagt Fielitz.

Auch Ingrid Walther, die Leiterin der Hennigsdorfer Regenbogenschule, bedauert, dass bald keine Zivis mehr förderbedürftige Kinder im Unterricht begleiten. „Jede helfende Hand ist ein Segen", sagt sie. Weil die Zivis so jung sind, hätten sie in der Regel ein guten Draht zu den Schülern. Auch bei praktischen Problemen waren sie hilfreich. Meist konnten sie Computer-Probleme lösen. Und bei der Schuldisko standen sie am DJ-Pult.

Möglicherweise könnte der Freiwilligendienst, den die Bundesregierung als Ersatz für den Zivildienst etablieren will, Lücken schließen. Komplett ersetzen ließe sich der Zivildienst damit jedoch nicht, sagt Antje Mäder vom Kölner Bundeszivildienstamt. 57 699 Zivildienstleistende betreut die Behörde derzeit. Den . Bundesfreiwilligendienst werden durchschnittlich 35 000 Frauen und Männer absolvieren, so erwartet es der Bund. Zwischen beiden Zahlen klafft eine große Lücke.

„Wir haben mit den Zivildienstleistenden immer gerechnet", sagt der Direktor der Hellmuth-Ulrici-Kliniken in Sommerfeld Wilfried Frank. Sechs Zivi-Stellen stehen im Personalplan der Kliniken. Zivis nehmen die Essensbestellungen auf oder übernehmen auf den Stationen unverzichtbare Hol- und Bringedienste. „Diese Arbeit muss auch in Zukunft jemand machen", sagt Frank. Der Klinikdirektor hofft auf den künftigen Freiwilligendienst. Sollte diese Unterstützung nicht ausreichen, will die Klinikleitung sogar über zusätzliche reguläre Stellen nachdenken.

Sergej Würtz, Christoph Hahnewald und Ricardo Keim spüren, dass sie gebraucht werden. Wer hat künftig Zeit, geduldig Bausteine zu reichen? Wer hilft beim Füttern? Eine der besten Erfahrungen, die sie während ihrer Zivildienstzeit gemacht haben: „Zu wissen, dass man helfen kann", sagt Kelm.

Alle drei haben das Gefühl, dass der Zivildienst sie verändert hat. „Man hat mehr Verständnis", sagt Hahnewald. „Man ist irgendwie reifer."

Die Zivis haben etwas zu geben. Aber sie kriegen auch etwas zurück, sagen sie. Manchmal muss man nur wissen, wie einer tickt. „Wenn einer gern Ball spielt, spielt man Ball", sagt Würtz. „Zugang zu finden war einfacher als ich es mir vorgestellt habe."


Die meisten Stellen sind schon verwaist
  • Bundesweit engagieren sich 57 699 Zivildienstleistende. In Oberhavel sind 77 junge Männer im Einsatz. Eigentlich wären im Landkreis 176 Plätze für den Zivildienst zu vergeben - die Mehrzahl der Stellen ist unbesetzt.
  • Schon immer habe es ein Überangebot an Stellen gegeben, heißt es beim Bundesamt für Zivildienst in Köln. Wegen des demografischen Wandels und der Diskussion um den Zivildienst seien derzeit mehr Stellen denn je unbesetzt.
  • Die Dienststelle mit den meisten Zivildienstleistenden im Kreis sind die Oberhavel-Kliniken mit insgesamt elf Stellen. Aber auch Altenheime beschäftigten viele Zivis.
  • Wer seinen Einberufungsbefehl bereits hat, muss seinen Dienst noch antreten. Wer noch keinen Einberufungsbefehl hat, muss keinen Zivildienst mehr leisten. Bis zum 30. Juni können junge Männer den Zivildienst freiwillig antreten. Eine Verlängerung über den 31. Dezember 2011 ist nicht möglich.